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S[PR]ING.BRUNNEN
Die wechselvolle Geschichte eines Brunnens in Kärnten von 1563 bis 2002
Erinnerung und Vergegenwärtigung

1563 endet das Konzil von Trient. In Tanzenberg wird in diesem Jahr ein oktogonaler Brunnen errichtet. Seine Reliefplatten bieten dem Betrachter eine facettenreiche und recht hintergründige Bildgeschichte, auf der Oberfläche des Steins und der Narration zusammengehalten durch Wasser in vielfältiger Erscheinungsform. Pragmatisch besehen fasst das Brunnenmonument eine neue Wasserleitung vom Ulrichsberg. Trient und Tanzenberg – was haben sie miteinander zu tun? Montorsolis „Fontana d´Orione“ in Messina, ganz besonders aber ein unausgeführtes Projekt eines Neptunbrunnens für Trento des Alessandro Vittoria gemahnen in frappanter Weise an den Tanzenberger Brunnen: Beziehungen zu Italien, zu Trento, zu Venedig und Sansovinos Loggetta beim Campanile am Markusplatz sind unverkennbar; der Bronzeaufsatz des Neptun weist nach Deutschland wie manch andere Züge in den Bildschemata auch. Ein bemerkenswerter Renaissancebrunnen: Zweckbau und Werk der Kunst und als solches Zentrum von kulturellem und kommunikativem Austausch.

Brunnen als Mittelpunkt.

1688 setzt Johann Weichard von Valvasor diesen Brunnen in seinen Kupferstichen der Kärntner Burgen und Schlösser dokumentarisch ins Bild. Imperiale Pracht prunkt mit weitläufigen Anlagen und mit dem Brunnen im und als Mittelpunkt. „Tempus edax rerum tuque invidiosa vetustas: omnia destruitis vitiataque dentibus aevi paulatim lenta consumitis omnia morte – Zeit, du frisst alles, und du, neidisches Alter: alles zerstört ihr und durch den Zahn der Zeit entstellt ihr allmählich alles und verbraucht es in langsamem Tod“. Das Schloss verfällt, kommt herunter – langsam und unaufhaltsam.

Provozierendes Kunstwerk.

1802 – Beethovens Heiligenstädter Testament, der Kosmos seiner drei Klaviersonaten op. 31 (Jagdsonate, „Der Sturm“), Hölderlins Hymnen „Patmos“, „Friedensfeier“, „Tränen“, „An die Hoffnung“. Irgendwann 1802 wird der Brunnen nach Friesach verkauft, verscherbelt, verbracht: „TRANSLATUS MDCCCII“ heißt es auf der Inschrift, die man recht klobig plakativ samt Wappen hat anbringen lassen. Seit 1802 steht er also am Hauptplatz der Burgenstadt, zweimal schon verrückt, bei Stadtfesten, mit Kürbissen drapiert, fließt Bier aus ihm: Kommunikation beim „kühlen Blonden“ beim Kirtag. Weit ist er – und es mit ihm – gekommen. Und doch: das Kunstwerk provoziert, stellt Ansprüche und Rätsel und hat Kraft, mehr zu sein als Sammelbecken fließenden Wassers, obligates Photomotiv und Requisite von Events. Wenn doch die Steine reden könnten! Saxa loquantur!

Kulturelle Kommunikation.

2002 – für einen Abend im September – geschah es, dass die Steine gesprochen haben, denn der „Brunnen“ ist in einem Projekt von SYNART TANZENBERG in den Hof von Schloß Tanzenberg heimgekehrt. Der verwandelnden und vergegenwärtigenden Energie der Kunst mag es gelungen sein, ihn in der Phantasie der Zuschauer präsent zu machen und die Uhren anzuhalten: Pindar, Ovid, John Dowland, Ludwig van Beethoven, Conrad Ferdinand Meyer, Rainer Maria Rilke, Dexter Gordon, Cindy Lauper: „time after time“ – Zeit.Fluss. Der Brunnen hat denn auch wirklich gesprochen – durch den neuen Salzburger Jedermann Peter Simonischek und das Carinthia Saxophon Quartett für jedermann: saxa & saxes. Und dem Brunnen entströmte in Uraufführungen Ungehörtes: Brunnen.Texte – intertextuell mit der Tradition verwoben – von C. W. Bauer, Brunnen. Kompositionen von Günter Mattitsch und Hannes Raffaseder. Ein bildnerischer Wettbewerb des Landes Kärnten hat in einer „Arbeit am Mythos“ Quellen der Inspiration geöffnet und den Strom der Tradition neu gefasst und verlebendigt: Erinnerung und Vergegenwärtigung. Brunnen, diese augenscheinlich ziemlich überflüssigen und sonderbaren Mischwesen von Zweckbau und Kunstwerk, sind also heute, wo jeder zu jeder Zeit seinen eigenen Wasserhahn – und Internetzugang – nach Belieben benützen kann und nützt, mitunter doch noch sinnvolle Orte des Zusammenkommens von Menschen, des Innehaltens, der Sammlung und der kulturellen Kommunikation – synart – über die Zeiten hinweg.

Ernst Sigot

Der Friesacher Brunnen und der Tanzenberger Innenhof
Seit 1802 steht der Renaissancebrunnen auf dem Hauptplatz in Friesach. Ursprünglicher Standort des Brunnens war der Innenhof von Schloss Tanzenberg. Fotos: Mirnig, Ellersdorfer