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S[PR]ING.BRUNNEN
Saliens.Punctum

'fons murmure suo ...'

Wer heutzutage als Besucher den Hof von Schloß Tanzenberg betritt, ist von der Architektur, der Atmosphäre, der Anlage mit dem kleinen Springbrunnen in der Mitte gewiß angetan, er findet aber dort – es sei denn, er hält einen Kunstführer in Händen – keinen Hinweis, daß er sich den Raum anders vorzustellen hat. Den dritten Stock alsbald wegzudenken, das fällt leicht, was aber hinzuzudenken ist, kann nur die Muse der Erinnerung MNEMOSYNE ihm sagen – recht prosaisch freilich und nur über einen Querverweis: durch besagten Cicerone unter dem Eintrag 'Friesach, Stadtbrunnen'.

Tanzenberg - Innenhof

Der heutige Brunnen inmitten des Hofs ist in vielerlei Hinsicht keiner mehr. Er hat nicht mehr direkt Anteil am ewigen, global-elementaren Kreislauf des Wassers, dient nicht mehr als Wasserspender, keine Menschenseele und gewiß kein ‚Wandrer' mehr – wie ein berühmtes Brunnengedicht es ins Wort nimmt – tritt ‚ans Marmorbecken, um mit der hohlen Hand vom Brunnen zu schöpfen', er hält auch dem Verströmen und Versiegen des Lebenselementes Wasser keine Schalen als retardierende Elemente entgegen. Er sprengt sein bißchen Wasser immer wieder moderat – mit einer Umlaufpumpe – in die Höhe: ornamentum, Zierrat, von allen Seiten gleich überschaubar: ansprechend und anspruchslos.

Der Besucher am 17. September 2002 ahnte indes, daß es mit diesem Brunnen eine besondere Bewandtnis hat, und er weiß wohl, daß es 200 Jahre her ist, daß er aus seinem ursprünglichen Kontext entfernt und nach Friesach verbracht wurde. Dort wird er auch bleiben, obwohl er am 17. September für ein paar Stunden künstlerisch-virtuell durch das Projekt S[PR]ING.BRUNNEN heimgeholt wurde.

Weit mehr als ein Jahr lang habe ich mich im Rahmen von SYNART TANZENBERG bemüht, ursprüngliche Kontexte und ursprüngliche Dimensionen wiederzugewinnen:

Durch einen landesweiten bildnerischen Wettbewerb für die Schüler Kärntens, die sich, um Goethes Wort über seinen Umgang mit Ovids Mythen zu zitieren, mit sichtbarem Erfolg bemüht haben, die antiken Mythen des Brunnens 'zu verarbeiten, zu wiederholen, wieder hervorzubringen'.

Durch eine Reihe von Workshops mit den am Szenario beteiligten Künstlern für die Schüler und Kollegen in und um Tanzenberg.

Durch unzählige Briefe und Brunnen.Gespräche mit öffentlichen Stellen, Kollegen, Komponisten, Literaten, Wissenschaftlern, Kulturschaffenden. Und alsbald vermeinte ich gerade hier Vergils Worte zu hören: ‚paulo maiora canamus – ein wenig Größeres laßt uns besingen!'

Doch wer Brunnen baut, der stößt auch auf Schwierigkeiten: Quellen finden, fassen, zusammenführen, herleiten, Einsprüche der Grundbesitzer, (nicht nur) topographische Barrieren: neue Pläne, Umplanen, neue Pläne etc. Das Werk wuchs, die Intensität der Beteiligung auch. Vielerorts – in der Schweiz, in Deutschland, in Österreich – leitete man Quellen ein. Ein S[PR]ING.BRUNNEN entstand: aus Worten, Tönen, Bildern. Auch in Tanzenberg erschloß sich eine neue und lebhaft sprudelnde Quelle: die CD-ROM S[PR]ING.BRUNNEN nahm konkrete Gestalt an, und der 'Brunnen' als kommunikativer Ort wurde neu belebt, der letzte Schritt dazu war das Szenario S[PR]ING.BRUNNEN.

Der Brunnenbau stand. Dank den Erbauern. Am 17. September 2002 wurde der Brunnen in Gang gesetzt, auf daß durch MNEMOSYNE & VERGEGENWÄRTIGUNG sein neues Wasser der Verwandlung fließe für jedermann: 'communis est usus aquarum' heißt es bei Ovid – Brunnen für 'Jedermann'. Das Projekt S[PR]ING.BRUNNEN brauchte hier keine weitere Erklärung. 'Oder anders zu sprechen auf den brunnen gekommen anverwandeltem schauen angeleint ziehen jahrhunderte' (C. W. Bauer).

Und wer nach dem 17. September 2002 den Hof von Schloß Tanzenberg betritt, er mag vielleicht ein wenig besser auch den Brunnen 'murmure suo' als Reminiszenz an einen Musenort verstehen, als einen Appell an die Phantasie und als ein Denk.Mal.

Ernst Sigot
Initiator von SYNART TANZENBERG